Dauernachtarbeit: Work-Life-Balance zulasten der Gesundheit?

 

Eine aktuelle Sonderauswertung der BAuA-Arbeitszeitbefragung 20151) zeigt, dass Dauernachtarbeitende – vor allem solche in Teilzeit - mit ihrer Work-Life-Balance grundsätzlich zufriedener sind als Beschäftigte in Wechselschicht (61 zu 55 %). Ihren Gesundheitszustand bewerten sie jedoch vergleichsweise schlechter. Nur etwa jede*r zweite schätzt ihre/seine eigene Gesundheit als gut bis sehr gut ein. Bei allen abhängig Beschäftigten liegt der entsprechende Anteil bei 62 %, bei Wechselschichtler*innen mit Nachtanteil bei 55 %. Am häufigsten beklagt werden dabei Schmerzen im unteren Rücken, Müdigkeit oder (körperliche) Erschöpfung.

 

Auch wenn Dauernachtmodelle aus Sicht der Arbeitswissenschaft grundsätzlich nicht zu befürworten sind, da grundlegende Empfehlungen oftmals nicht eingehalten werden (können), existieren bisweilen durchaus Gründe, die Dauernachtschichten erfordern oder – trotz aller Risiken – dem persönlichen Wunsch der Arbeitnehmer*innen entsprechen. Handlungsempfehlungen zur Gestaltung von Schicht- und Nachtarbeit sollten daher um eine umfassende medizinische Begleitung, die Ermöglichung eines „gesunden“ Arbeitsumfeldes sowie die Vermeidung von gefährlichen und belastenden Arbeiten während der Nacht erweitert werden.

 

Um einen reibungslosen betrieblichen Ablauf zu gewährleisten und gleichzeitig gesundheitliche Risiken zu minimieren, sind gut organisierte und ergonomisch gestaltete Schichtpläne notwendig. Dementsprechende Handlungsempfehlungen hat die BAuA2) veröffentlicht, auf die auch in § 6 Abs. 1 des Arbeitszeitgesetzes verwiesen wird:

Handlungsempfehlungen für eine gesunde Organisation von Schichtarbeit

Medizinische und arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse als Basis

Die Handlungsempfehlungen basieren auf einschlägigen medizinischen und arbeitswissenschaftlichen Studien, die u. a. Ergebnisse zum menschlichen Biorhythmus, Schlafverhalten bzw. -defizit und dessen Auswirkungen, Ermüdungsakkumulation und psychische Beanspruchungen durch Arbeitsanforderungen, Arbeitsschwere etc. liefern.

 

Nachgewiesen ist, dass Nachtarbeit eine Störung der inneren Uhr (Circadianrhythmus) bedeutet. Wenige aufeinanderfolgende Nachtschichten reduzieren den Zeitraum, in dem die angeborene Tagesrhythmik (Re-entrainment) wiederhergestellt werden muss. Eine volle Umkehrung des Tag-Nacht-Rhythmus ist nicht möglich - selbst bei lang andauernden Nachtschichtfolgen.

 

Schichtwechsel, die an den Circadianrhythmus der Körperfunktionen angelehnt sind, erweisen sich als förderlich für den Schlaf und das gesundheitliche Wohlbefinden der Beschäftigten. Die Vorwärtsrotation (Wechsel von Früh- in Spätschicht und dann in Nachtschicht) ermöglicht eine schnellere Anpassung an die wechselnden Schichtfolgen.

 

Die Einhaltung längerer Ruhezeiten geht mit einer ausreichenden Erholungsphase einher, die auch positiven Einfluss auf Schlafdauer und -qualität hat. Eine Ermüdungsakkumulation infolge langer Arbeitsperioden ist zudem vermeidbar, wenn auf die Massierung von Arbeitstagen nicht nur bei der Nachtschicht, sondern auch bei der Tag- und Wechselschicht verzichtet wird.

 

Dienstfreie Tage von Freitag bis Samstag oder von Samstag bis Sonntag ermöglichen soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten, weshalb die Wochenendfreizeit für Beschäftigte einen hohen Nutzwert hat.

Betriebliche Anforderungen berücksichtigen

In der Praxis ist eine gleichzeitige Umsetzung aller Empfehlungen nicht möglich, deshalb ist eine individuelle Bewertung durch Expert*innen sinnvoll, um die Bedarfe speziell an den jeweiligen Betrieb und dessen Arbeitnehmer*innen anpassen zu können. Sie können gemeinsam mit dem Betrieb und den Beschäftigten praktikable Lösungen entwickeln, um passgenaue Schichtmodelle zu entwickeln und auf jeden Fall Dauernachtmodelle zu reduzieren bzw. zu vermeiden. 


1) Brauner C./Strauß, R. (2020): Dauernachtarbeit in Deutschland. Arbeiten gegen biologische und soziale Rhythmen. In: BAuA: Bericht kompakt, 1.Auflage. Dortmund. 

2) Sczesny, C. (2003): Arbeitszeitgestaltung zwischen arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen und individueller Arbeitszeitpräferenz. Am Beispiel der Dauernachtarbeit im Krankenhaus. Dortmund.