(Wie viel) Flexibilität ist gesund?  –  AOK-Studie zu Chancen und Risiken mobiler Arbeit

Im aktuellen Fehlzeitenreport des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) und des AOK-Bundesverbandes werden Chancen und Risiken der Arbeit im Homeoffice aufgezeigt und bewertet. In der repräsentativen Studie mit mehr als 2.000 Erwerbstätigen werden Beschäftigte, die ausschließlich in der Betriebsstätte des Arbeitgebers tätig sind, mit solchen verglichen, die (auch) mobil arbeiten. Es werden Empfehlungen abgeleitet, wie sich die positiven Seiten der Flexibilisierung nutzen lassen, ohne dass daraus negative Konsequenzen für die Gesundheit der Beschäftigten entstehen.

Flexibilisierung nimmt zu

Digitale Werkzeuge wie der Einsatz von Computern (88,2 %), E-Mails (83,6 %) und Internet (74,6 %) ermöglichen eine steigende Flexibilisierung in zahlreichen Berufen mit der Folge, dass sich Arbeitszeit und Arbeitsort, an dem die Arbeitsleistung erbracht wird, von starren Vorgaben lösen.

 

Die Ergebnisse im Rahmen des Fehlzeitenreports 2019 zeigen, dass knapp 80 % aller geleisteten Arbeitsstunden im Unternehmen erbracht werden. Mit über 56 % leisten mehr als die Hälfte der befragten Beschäftigten dabei ihre gesamte Arbeitszeit im Unternehmen („Inhouse-Arbeitende“). Rund 40 % sind jedoch auch außerhalb ihres Unternehmens tätig – entweder bei Kund*innen bzw. beruflichen Partner*innen oder von zu Hause aus und damit unabhängig von Ort und Zeit.

 

Homeoffice: Höhere Arbeitszufriedenheit …

Viele Befragte mit Homeoffice schätzen eine selbstständigere Arbeitsplanung mit größerer Entscheidungsfreiheit und Mitspracherechten sowie die damit verbundene höhere Autonomie. Mehr als zwei Drittel geben an, zu Hause mehr Arbeit bewältigen und knapp drei Viertel, dort konzentrierter arbeiten zu können.

 

… aber auch Auflösung der Trennung von Privat- und Berufsleben

Im Vergleich zu "Inhouse-Beschäftigten" zeigt sich bei solchen, die auch im Homeoffice arbeiten, eine stärkere Auflösung zwischen Privat- und Berufsleben. So hat etwa jede*r Dritte der Tele-Arbeitenden häufig oder sehr häufig Arbeitszeit auf das Wochenende oder den Abend gelegt, um sich während der „normalen“ Betriebszeiten um andere Belange wie Familienleben oder Pflege von Angehörigen kümmern zu können.

 

Die Grenze zwischen Beruf und Privatleben verschwimmt somit. Dies birgt nicht zuletzt das Risiko, dass Erholungsphasen schrumpfen. So wird beispielsweise von den Beschäftigten im Homeoffice nicht selten eine Erreichbarkeit auch in der Freizeit oder im Erholungsurlaub erwartet. Knapp jede*r Fünfte berichtet über Anrufe oder E-Mails seines Arbeitgebers außerhalb der Arbeitszeiten. Beschäftigte, die auch im Homeoffice arbeiten, ändern deutlich häufiger als ihre Kolleginnen und Kollegen, die ausschließlich inhouse arbeiten, ihre privaten Aktivitäten aufgrund beruflicher Verpflichtungen. Arbeiten in Homeoffice ist nicht per se die Lösung von Vereinbarkeitsproblemen.

Psychische Belastung und Beanspruchungen nehmen zu

Das Mehr an Flexibilität birgt nicht unerhebliche gesundheitliche Gefahren, wie die Ergebnisse der AOK-Studie zeigen. So fühlen sich in Homeoffice Beschäftigte im Vergleich zu solchen, die ausschließlich im Betrieb arbeiten, häufiger in ihrem seelischen Wohlbefinden beeinträchtigt. Knapp drei von vier berichten über Erschöpfung, zwei Drittel über Wut und Verärgerung. Auch der Anteil derjenigen, die über Nervosität und Reizbarkeit oder Lustlosigkeit, Schlafstörungen bzw. Selbstzweifel berichten, liegt bei den mobil Arbeitenden in aller Regel deutlich höher.

Weniger Fehlzeiten trotz höherer Belastung

Trotz der höheren psychischen Belastungen: Beschäftigte im Homeoffice weisen mit 7,7 Tagen weniger Fehlzeiten auf als "Inhouse-Arbeitende" (11,9 Tage). Dies liegt jedoch offenbar nicht daran, dass erstere häufiger trotz Krankheit arbeiten. Der Anteil derer, die entgegen ärztlichem Rat in den letzten 12 Monaten ihrer Arbeit nachgegangen ist, liegt in beiden Gruppen bei ca. 23 %. Vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass sich die Arbeitszeiten im Homeoffice passgerechter einsetzen lassen, Beschäftigte also im Krankheitsfall weniger arbeiten und die verlorene Arbeitszeit später nachholen, was bei festen Anwesenheitszeiten im Betrieb so nicht möglich ist.

 

Fazit: Zukünftige Anforderungen

Wie also lassen sich die Chancen der Flexibilisierung ohne gesundheitliche Risiken für die Beschäftigten nutzen?

 

Ob die Nutzung einer digitalen Technik, die 365 Tage im Jahr rund um die Uhr zur Verfügung steht, gesundheitsförderliche oder -schädliche Effekte hat, ist von der konkreten Arbeitsgestaltung, den digitalen Kompetenzen der Nutzer*innen und nicht zuletzt von den Regeln der Nutzung abhängig. Es bedarf einer Anpassung an die Ressourcen der Mitarbeiter*innen.

 

Digitalisierung bedeutet einen erheblichen Bedarf an Qualifizierung und Weiterbildung, damit keine unüberwindbare Diskrepanz zwischen den Fähigkeiten der Beschäftigten und den Arbeitsanforderungen entsteht. Neben einem Betrieblichen Gesundheitsmanagement, das digitale Techniken aufgreift, kommt Unternehmen und Führungskräften eine weiter steigende Verantwortung zu.

 

Gerade in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels gilt: Unternehmen, die sich strukturell auf die Bedarfe mobil arbeitender Beschäftigter einstellen und entsprechende Angebote vorhalten, signalisieren ihre Kompetenz im Hinblick auf Mitarbeiterpflege in einer mehr und mehr digitalisierten Arbeitswelt. Mit entsprechenden Angeboten lassen sich hochqualifizierte, leistungsfähige, zufriedene und gesunde Mitarbeiter*innen finden und binden. Richtig gestaltet kann mobile Arbeit nicht nur zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie beitragen, sondern auch helfen, die Leistungsfähigkeit des Betriebes auf Dauer zu sichern.

 

Quelle:

Badura, B., Ducki, A., Schröder, H., Klose, J. Meyer, M. (Hrsg) (2019): Fehlzeiten-Report 2019: Digitalisierung – gesundes Arbeiten ermöglichen. Heidelberg